Im Schokoladenhotel in Westerstede genießen Gäste die dunkle Kostbarkeit mit allen Sinnen
Wer das Schokoladenhotel Voss in Westerstede betritt, wird sofort in die Welt des Kakaos entführt. Gleich links eröffnet sich die Schoko-Lounge, die schon von weitem mit einer vielversprechenden Pralinenauslage lockt. Im Eingangsbereich lädt ein gemütlicher Sitzbereich zum Verweilen ein. Die riesige Bildtapete einer Kakaopflanze und die warmen Farben vermitteln den Eindruck in südlichen Gefilden, vielleicht sogar in Südamerika, zu sein. Rechts neben dem Eingang befindet sich der sogenannte Schokoladenparcours. „Hier können die Gäste Schokolade schon beim Ankommen mit allen Sinnen genießen“, sagt Hotelinhaberin Tanja Voss. An verschiedenen kleinen Stationen werden Schokolade oder Kakaobohnen zum Fühlen, Riechen, Hören und Schmecken präsentiert. Ob pur, mit Kräutern, Nuss, Frucht oder Gewürzen – zu welchem Schokoladentyp man gehört, sagt einem am Ende des Parcours die App. „Ich bin ein Nusstyp“, sagt Tanja Voss lachend. Sie liebt jede Schokolade, die mit Nüssen – egal welchen – kombiniert wird. Der schokoladige Faden zieht sich durch das ganze Hotel. Für den Kräutertyp zum Beispiel gibt es im Restaurant auf Wunsch die Kräuterschokobutter zum Steak oder die Salbeischokoladentafel zum Mitnehmen in die Heimat.

Gegenüber und neben der Rezeption erstrecken sich wandhohe Regale mit hausgemachten Köstlichkeiten aus Schokolade. Unterschiedliche Pralinenmischungen, Tafeln verschiedener Geschmacksrichtungen, Hohlfiguren wie Pferde oder Eichhörnchen, kandierte Früchte und vieles mehr – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Und direkt hinter diesen Leckereien können die Gäste einen Blick in das Schokoladen-Atelier werfen.
An die Schokolade, fertig, los
„Die Tür steht unseren Gästen die meiste Zeit offen“, sagt Christian Voss, Schwiegersohn der jetzigen Hotelinhaber Tanja und Bernd Voss. Jeder Gast, der möchte, darf einfach hereinschauen. Wenn die Mitarbeiter genügend Zeit haben, darf er jederzeit seine ganz persönliche Tafel Schokolade gießen und verzieren. „Das wird sehr gerne von den Gästen angenommen und ist ein kleines Highlight während ihres Aufenthaltes bei uns“, weiß Christian Voss.
„Schokolade bedeutet für mich nicht nur etwas Tolles zum Naschen, sondern ist für mich die Erfüllung eines genialen Konzeptes für unser Hotel.“
— Tanja Voss
Das Schokoladen-Atelier ist der Ort des Geschehens im Schokoladenhotel Voss. Dort finden Pralinenseminare für die Gäste statt, dort werden die schokoladigen Desserts hergestellt und liebevoll angerichtet, aber vor allem ist das der Ort der Pralinen- und Schokoladenproduktion. Bei Köchin Feda Frangi Doumat, Konditormeisterin Tabea Triphan und Faruk Ceteler dreht sich alles um die Schokolade. Die drei sind begeistert dabei, neue Pralinen, Törtchen und Desserts für die Gäste zu kreieren und suchen immer wieder nach neuen Kombinationen, die mit Schokolade harmonisieren. Sie tauchen ganz in die Welt der Schokolade ein.

Während Feda Frangi Doumat die neueste Dessertkreation, ein kleines Kunstwerk, anrichtet – einen Hokkaido-Kürbis aus einem weißen Schokoladen-Kürbismousse mit Schokocrumble und Cocoscrunch, einem Birnenkompott und Minzblättchen, erzählt sie etwas über sich. „Ich komme aus Venezuela, Schokolade gehört zu meinem Land“, sagt sie lachend und sprüht dabei vor Lebensfreude und Begeisterung für ihren Job. Jedes Detail sei bei einem Dessert wichtig, auch die Minzblättchen, denn nur durch die Kombination aller Zutaten gemeinsam, würde sich der volle Geschmack entfalten.

Vor vier Jahren ist Feda Frangi Doumat nach Deutschland ins Schokoladenhotel Voss gekommen. Sie hat ihre Ausbildung zur Köchin hier absolviert und ist nun für die Desserts und Pralinen mitverantwortlich und das mit Leidenschaft. Warum sie Deutsch lernen wollte, weiß sie auch nicht so genau. „Als ich klein war, habe ich deutsche Radiosender zum Einschlafen gehört, weil die Sprache für mich wie Musik klingt“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Alle zwei Monate wechselt die Dessertkarte. Dann finden sich viele der 69 Hotelmitarbeiter im Schokoladen-Atelier ein und überlegen zusammen, was es Neues auf der Karte geben könnte. Was passt zur Saison? Welche Gewürze könnten jetzt verwendet werden? Welche Motive sind gerade im Trend? Jeder bringt seine Ideen und Wünsche ein, aus denen die drei Schokoladen-Atelier-Mitarbeiter dann daraus fünf bis sechs Dessertvariationen entwickeln, die die Gäste später genießen können.

An der Wand stehen drei große Maschinen mit weißer, dunkler und Vollmilchschokolade. Dort wird die Schokolade optimal temperiert, so dass sie gut weiterzuverarbeiten ist. In den Schubladen sind Mengen von Formen zu finden. Für jeden Anlass und jede Jahreszeit gibt es eine entsprechende Pralinenform. „Es geht auf Weihnachten zu. Momentan beginnen wir mit der Produktion von Weihnachtsbäumen aus Schokolade, die in unterschiedlichen Stilrichtungen geschmückt werden“, erzählt Feda Frangi Doumat weiter und zeigt auf ein großes Tablett im Regal, das voll mit kunstvoll verzierten Tannenbäumen ist. Auch die Pralinen variieren, die Herstellung von Pralinen mit Glühwein- und Eierlikörganache läuft an. Passend zur Grünkohlsaison gibt es dann eine Senfpraline. „Das war eine unserer ersten Kreationen“, erinnert sich Tanja Voss, die zuvor eine Grünkohlpraline in Oldenburg entdeckt hatte und der etwas entgegensetzen wollte. Es lohnt sich, etwas Neues zu probieren. Besonders erfrischend ist die Pfefferminzpraline, die mit ihren grünen Streifen auf dunklem Grund auch dem Auge etwas zu bieten hat.
Schokolade, aber bitte fair
„Unsere Kakaobohnen beziehen wir aus Südamerika“, erklärt Tanja Voss. Original Beans, dessen Produkte bio-zertifiziert sind, beliefert das Schokoladenhotel Voss mit der notwendigen Rohschokolade. Für jede Tafel pflanzt das Unternehmen gemeinsam mit seinen Kunden und Bauern einen Baum und trägt so zum Klimaschutz bei. „Auch Kinderarbeit ist kein Thema auf den Plantagen“, betont Tanja Voss, die sich intensiv damit auseinandersetzt hat. Die unterschiedlichen Kakaobohnen aus den verschiedensten Regionen weisen sehr charakteristische Geschmacksnoten auf. „Kein Vergleich zu der Schokolade, die man im Supermarkt kaufen kann. Aber davon müssen sich unsere Gäste selbst überzeugen“, so die Dame des Hauses.

Die Idee
„Die Idee zum Schokoladenhotel hatten wir auf einer Reise nach Italien“, erinnert sich Tanja Voss. Sie und ihr Mann unternahmen 2004 eine Mittelmeer-Kreuzfahrt. Sie legten für ein paar Stunden in Venedig an und gingen an Land. Als sie dort in einem kleinen Café saßen und Kaffee tranken, zu dem sie ein großes Stück Schokolade gereicht bekamen, war die Idee des Schokoladenhotels auf einmal in ihrem Kopf. „In der letzten Zeit hatten wir bemerkt, dass es mit unserem Kuchenangebot schwierig war, da wir keinen großen Umschlag am Nachmittag hatten. Wir waren auf der Suche nach einer Lösung“, berichtet Tanja Voss weiter. Die Kombination aus Kaffee und Schokolade überzeugte das Hoteliers-Ehepaar sofort. „Kakao schien uns ein fantastischer Geschmacksträger für viele Stoffe zu sein.“ Kaum wieder zurück, begannen sie die Idee in die Tat umzusetzen. Und so ließ sich Bernd Voss auf dem Weg zum Schokoladenhotel in Belgien zum Chocolatier ausbilden.

Es vergingen mehrere Jahre, in denen in vielen kleinen Schritten und mit viel Liebe zum Detail der Kakao und die Schokolade Einzug hielten. „Der Weg war nicht ganz einfach, es gab einige Menschen, die unser Vorhaben belächelt haben“, so Tanja Voss. Sie behielten ihr Ziel vor Augen und engagierten einen Coach, der sie bei der Entwicklung des Konzepts für das Schokoladenhotel untersützte. 2016 war es dann offiziell soweit. Tanja und Bernd Voss nannten ihr Hotel in Westerstede in „Schokoladenhotel Voss“ um.
Traditionell und trotzdem up-to-date
1935, also vor knapp 90 Jahren, haben Bernd Voss‘ Großeltern Sophie und Hans Voss das Gasthaus Buhr, dort wo heute das Schokoladenhotel Voss steht, gegründet. In den 50ern entstanden die ersten Fremdenzimmer und der Gasthof wurde in „Hotel Voss“ umbenannt. Sohn Claus, Bernd Voss‘ Vater, übernahm mit seiner Frau Erika das Hotel in den 60er Jahren und erweiterte es um einen Saal, eine weitere Kegelbahn und eine Kellerbar. Claus Voss wollte sein Haus zu einem Tagungshotel mit Erlebnisgastronomie machen. Stück für Stück erweiterte er das Hotel um Säle, Zimmer und ein Schwimmbad, bis er sein Ziel erreicht hatte. Dann stieg Sohn Bernd in die Fußstapfen seines Vaters. Er absolvierte Ausbildungen zum Koch und Hotelkaufmann, lernte während der Ausbildung seine zukünftige Frau Tanja kennen und sammelte Erfahrung als stellvertretender Direktor im Columbia-Hotel in Rüsselsheim, bevor er mit seiner Frau das elterliche Hotel 1995 in Westerstede übernahm. „Stillstand kennen wir nicht“, unterstreicht Tanja Voss, die das Hotel mit ihrem Mann – genau wie die Generationen zuvor – immer weiterentwickelt hat.
Ein Haus voller Schokolade
Kakao
Der Kakaobaum wächst vorwiegend in den tropischen Regenwäldern Lateinamerikas und kann bis zu 15 Meter hoch werden. Er bildet hübsche, fünfblättrige Blüten aus. Die gelb-rote Kakaofrucht ist ledrig und hart und wiegt bis zu 500 Gramm. Bis zu 50 Kakaobohnen sind in einer Frucht eingeschlossen. Kakaobohnen werden zur weiteren Verarbeitung geröstet.
Was wäre ein Schokoladenhotel ohne Schokolade? Überall finden die Gäste etwas zum Naschen. Ob als Betthupferl, an der Kakaoplantagen-Infotafel, als Infoschilder vor den Tagungsräumen (zumindest bis vor Corona) oder im Wellnessbereich – Schokolade gibt es auf allen Etagen und in allen Bereichen. „Wer entspannen möchte, kann eine Schokoladen-Massage oder eine Auszeit im Schokoladen-Sahne-Bad buchen“, sagt Tanja Voss, die den Zimmerkategorien Namen wie „Praline“, „Praline de Luxe“ und „Trüffel“ gegeben hat. Sprüche zum Schmunzeln und Nachdenken wie „Gute Schokolade am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“ zieren die Wände nicht nur in den Zimmern in warmen Farben. In der Dusche dagegen gewinnt man den Eindruck im tropischen Regenwald zwischen Kakaobäumen zu stehen.

Schokolade auf ganzer Linie
Wer an Schokolade denkt, denkt meist an etwas Süßes. „Das ist in den Köpfen der Menschen verankert. Die Gäste können diese Art der Schokolade beim Frühstück als Aufstrich, als hauchdünne Schokoladenscheiben oder im hausgemachten Müsli genießen. „Aber Schokolade ist noch viel mehr“, so die Hotelchefin. Beispielsweise harmoniert herbe Schokolade hervorragend mit Weinen oder Whiskey. Auch Fleisch kann durch eine Schokoladensauce eine besondere Note bekommen. Zu jedem Gericht gibt es auf Wunsch eine schokoladige Komponente im Restaurant, wo auf frische, regionale Zutaten Wert gelegt wird. Live und in Farbe kocht jeden Freitag beim Cook & Look-Buffet ein Koch in der Showküche, die in einer Ecke des Restaurants platziert ist. Ob Fleisch oder vegetarisch – die Qualität der zubereiteten Speisen liegt den zukünftigen Hotelinhabern und gelernten Köchen Christian und Kathlyn Voss sehr am Herzen. Neue Kreationen sind auf der Speisekarte im Restaurant genauso an der Tagesordnung wie im Schokoladen-Atelier. Trends oder Entwicklung? „Es zeigt sich, dass die Nachfrage nach vegetarischen Gerichten steigt. Auch darauf richten wir unsere Karte aus. Besonders empfehlen können wir zur Zeit unsere Schokoladenfalafel an Couscous“, betont Christian Voss.

In den Startlöchern
Rund 30 Jahre führten, die Großeltern und Eltern von Bernd Voss jeweils das Hotel. Auch er und seine Frau waren nun knapp 30 Jahre in der Hotelführung. Zeit das Ruder in die Hände der nächsten Generation zu legen. Tochter Kathlyn und Schwiegersohn Christian stehen bereits in den Startlöchern und freuen sich sehr das einzige Schokoladenhotel in Deutschland ab Januar 2023 zu führen. „Für uns ist es ein Privileg, das, was Generationen vor uns, zu dem gemacht haben, was es heute ist, übernehmen zu dürfen“, unterstreicht Christian Voss. Das junge Ehepaar will das Haus künftig im Sinne der Familientradition fortführen, verbessern, vergrößern und mit neuen, eigenen Ideen füllen. „Damit wir unseren Gästen noch mehr gerecht werden können.“

Im Tagungsbereich sucht Christian Voss gerade nach neuen Ideen für die richtige „Schoko-Work-Balance“. Denn manches Unternehmen misst dem Schokoladenhotel einen zu hohen Freizeitcharakter bei, weshalb es nicht unbedingt als Tagungshotel für ein Firmenseminar in Frage komme. Insbesondere nach dem Aufenthalt der ostfriesischen Bürgermeister im Schokoladenhotel, wurde diese Diskussion weiter angefacht. Dem will Familie Voss zukünftig entgegenwirken. Denn Schokolade fördere durchaus auch die Konzentration und wer arbeitet, verdiene auch einen Ausgleich am Abend.
Weitere Informationen gibt’s unter https://www.schokoladenhotel.de












